Prof. Dr. Ferdinand Ullrich: „Der Kunstmarkt macht der Kunst das Leben schwer.“

Grund und Boden Planierwalzendruck Typomage Balingen 2013

Grund und Boden

Planierwalzendrucke zu Grundstückspreisen nach Bodenrichtwertkarte

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Ferdinand Ullrich

Der Kunstmarkt macht der Kunst das Leben schwer. Der Künstler leidet, wenn er liefern muss. Und er leidet, wenn er nicht liefern darf. Die Kunst ist angebotsorientiert. Das war sie zwar nicht immer. Auftragskunst war bis zur Moderne und dem aufkommenden Industriekapitalismus der Normalfall.

Grund und Boden Planierwalzendruck Ahlen 2013 380€
Planierwalzendruck Ahlen 2013 380€

Wir haben uns aber an den Gedanken gewöhnt, dass nun darin die Freiheit der Kunst besteht. Wird sie nachfrageorientiert, wird es kompliziert. Die Eigenmotivation weicht der Fremdmotivation, die Freiheit der Kunst weicht der Fremdbestimmung.

Aber erst mit der Nachfrage gibt es einen Marktpreis für die Kunst. Ohne sie kann man das Kunstwerk auch verschenken. Das wäre der höchste Ausdruck ihrer Freiheit. Einige wenige haben das versucht. Überlebt haben sie auf andere Weise. Und kann man denn sicher sein, dass die Werke nicht doch auf den Markt geworfen werden? Und zu welchem Preis? Die Unverfügbarkeit des eigenen Werkes, ist es erstmal im Kreislauf des Geldes, lässt sich kaum rückgängig machen. Man kann nur das eigene Werk zurückkaufen – zum Marktpreis.

Aber will man als Künstler denn die ewige, absolute Verfügung über das eigene Werk? Ist es nicht der Sinn des gültigen Kunstwerkes, aus der Hand des Künstlers gegeben zu werden, damit es unabhängig von ihm seine Wirkung entfaltet? Ist nicht das Werk, wenn es einmal erschaffen wurde, ein Subjekt eigenen Rechts, das für sich selbst verantwortlich ist? Das gilt dann wohl auch für die Preisgabe an den Markt – von ganz teuer bis zum Verramschen, von endloser Bewunderung bis zum Müllcontainer, in dem der Nachlass entsorgt wird.

Grund und Boden Planierwalzendruck zu Grundstückspreisen Mülheim an der Ruhr Ferdinand Ullrich
Planierwalzendruck Mülheim an der Ruhr 2019 Ferdinand Ullrich

Und wie ist das mit der Kunst im öffentlichen Raum? Hier sind die Marktmechanismen offensichtlich und nicht zu verschleiern. Die Konkurrenz mit der Welt ist größer und härter als im Schutzraum der Ausstellungsinstitution, die sich rein und unschuldig gibt. Es entsteht ein Verdrängungswettbewerb um den teuren Grund und Boden. Dort, wo die Kunst hin will und idealerweise auch hin soll, nämlich von der bedeutungslosen Peripherie ins bedeutungsschwere Zentrum, ist auch die Spekulation schon vor Ort, vom billigen Boden zum exorbitant teuren. Da ist die Kunst ein subversiver Störfaktor, ein Stachel im Fleisch des Kapitalismus – zumindest könnte sie es sein, wenn sie sich der bloßen Dekoration entzieht.

Wie wäre es aber, wenn man das eine im anderen abbildet, die Bodenspekulation zum Thema des Kunstwerks macht? Mehr noch! Man könnte die eher auf Behauptung gegründete Preisgestaltung der Kunst verlassen und den Preis der Kunst der spekulativ-objektiven, gleichwohl faktischen Preisgestaltung von Grund und Boden zugrunde legen.

Wir kennen bei der Preisgestaltung der Kunst verschiedene Formeln, die so etwas wie Objektivität vorgaukeln. Für die Malerei z. B. gibt es die Formel:  Höhe in cm plus Breite in cm mal Faktor x). Der Faktor x ist dabei Ausdruck des Marktwerts des Künstlers. Je besser er im Kunstmarkt steht, desto höher ist der Faktor x. Ein Gemälde in der Größe von 100 x 100 cm und einem Faktor 5 hätte dann einen Verkaufspreis von 1.000,- € ((100+100)*5=1.000).

Dagegen die reinen Produktionskosten zugrunde zu legen, ist verpönt. Man ist doch kein Handwerker oder Dienstleister, sondern schafft geistige Werte, deren pekuniärer Wert ohnehin kaum zu ermessen ist. Hier geht es ums große Ganze, um die Erklärung der Welt. Da kann man sich nicht auf die Ebene des schnöden Mammons begeben.

Was passiert, wenn man die Spekulation um Grund und Boden nicht nur zum Thema macht, sondern diesen selbst zum Motiv erklärt? Das Kunstwerk wäre ein möglichst getreues Abbild des Bodens im originalen, lebensgroßen Maßstab. Hier liegt es nahe, den Bodenpreis mit dem Preis des Kunstwerks zu koppeln. Objektiver geht es nicht. Der Preisindex wird wie in den Aktienpaketen (ETF) möglichst genau nachgebildet, so dass man an allen Kurschwankungen teilhat. So kann man wunderbar mitspekulieren.

Und genau das machen Susanne von Bülow und Ruppe Koselleck in Ihrem Projekt – Grund und Boden – sie bilden den Boden zu den Preisen nach der örtlich fixierten Bodenrichtwertkarte ab oder sie bestimmten, den erzielten Preisen für den Boden, den sie mit Planierwalzen auf Bütten pressten und notieren den Preis auf dem Bild.

Und der Rat des Kunstanalysten für den Kunstkäufer heißt: Kaufempfehlung! Der Quadratmeter „Paris“ ist noch zu haben: 150.000,- €!